Langsamer lieben

 

Der Mensch von heute lebt schnell. Ob Arbeit oder Freizeit, wir nehmen uns für nichts mehr wirklich Zeit, selbst der Liebe geben wir kaum Raum. Dabei wissen wir genau: Das ist nicht gut. Aber was sollen wir tun? Wie wäre es mit einem Blick über den Tellerrand auf das fernöstliche Tantra? CLAIRES CHI sprach mit der Tantra-Therapeutin und Bestsellerautorin Diana Richardson über Entspannung und Sexualität.

 

„Der Begriff Tantra stammt aus der alten indischen Sprache Sanskrit und könnte grob übersetzt werden mit „Erweiterung der Energie und des Bewusstseins“, erklärt Tantra- Therapeutin Diana Richardson, die sich selbst als eine „Liebhaberin des Körpers“ bezeichnet. „Diese Erklärung hilft, Tantra zu verstehen. Die Intention von Tantra ist es, die sexuelle Energie zu erweitern. Dies geschieht aber nicht durch Anspannung, sondern durch Entspannung. Erweiterung, und Ekstase, die damit einhergeht, sind ein Ergebnis der Entspannung“, so Diana Richardson. Und damit wären wir schon genau beim Thema. Ich schreibe auf: Entspannung statt Stress und Geschwindigkeit.

 

Eine wichtige Zutat: Entspannung statt Anspannung

AktEntspannung ist also das große Geheimrezept für guten Sex? Zumindest sei es eine wichtige Zutat, wie Diana Richardson erklärt, die Basis für eine erfüllte Sexualität, aber es ginge natürlich um mehr. Natürlich, warum sonst hat sie sich so lange mit dem Körper, Spiritualität und Sexualität beschäftigt – und lernt immer noch: „Vor zirka 20 Jahren entschied ich mich, die menschliche Sexualität zu erforschen, Sex und Meditation zusammenzuführen. Aus dieser Entscheidung wurde ein kontinuierlicher Prozess, der bis heute anhält“, erzählt sie. Ihre Karriere begann in Südafrika, nachdem sie desillusioniert ihren Wunsch, als Juristin den unterdrückten Menschen in ihrem Land zu helfen, an den Nagel gehängt hatte. „Ich wollte Mas s eur in werden“, erzählt sie, als Kind hätte sie bereits gern mit Massagen zu tun gehabt. „Da es in Südafrika keine Massage-Schulen gab, ging ich nach Großbritannien und qualifi zierte mich dort als praktische und lehrende Masseurin. Dies führte mich zu den Themen Heilung und Meditation“. Ich notiere mir die Stichworte: Meditation, Innehalten. Heilung ist ein Prozess, der in der Stille vor sich geht. Dann erzählt Diana von Osho, der ihr Leben stark beeinflusste, und davon, dass sie sich nicht als eine konventionelle Therapeutin sieht, denn in der klassischen Therapie liege der Fokus auf der Problemlösung. Aber allein durch die Ausübung von Tantra lösten sich viele Probleme, die Paare mit Sex und in ihrer Beziehung hätten. Ich nicke, es ist irgendwie erleichternd, dass auch mal jemand behauptet, es sei nicht notwendig jedes Problem direkt zu bearbeiten. „Mit der Veränderung ihrer Sexualität stellen Menschen fest, dass sie keine wirklichen Probleme haben, weder sexuelle noch andere. Tantra ist also keine weitere Art von Therapie, sondern vielmehr ein Prozess der persönlichen Veränderung, die jeden Lebensaspekt beeinfl usst“, sagt Diana Richardson. Ich kritzle auf mein Blatt: Das Leben selbst ist die Therapie.

 

Tantra: ein Weg zu mehr Kraft und Vitalität.

Es geht nicht um den Orgasmus, sondern um Energie. Keine wirklichen Probleme haben, das hört sich sehr angenehmen an. Und fremd, denn in unserer westlichen Kultur hat schließlich jeder Probleme. Wir sind eine problemfi xierte Kultur. Passt da ein Ansatz wie Tantra überhaupt zu uns? Diana Richardson hat eine entschiedene Antwort: „Die westliche Kultur kann außerordentlich von Tantra profi tieren. Das Niveau der Sexualität ist tief gesunken. Um Inspiration und Anleitungen zu fi nden, wie wir unsere Sexualität zu einer spirituellen, zu einer wunderbaren Erfahrung machen können, müssen wir zurückblicken in die Archive alter Kulturen.“ ... Archive alter Kulturen, ich beeile mich mitzukommen, und dort fi nden wir sie, die Tantra-Lehre, die uns Bewusstheit, Entspannung und Langsamkeit für die Liebe bringt. Die Erfahrung einer Sexualität im tantrischen Sinne, als eine erhebende Kraft, bringt viele Vorteile mit sich. Diana Richardson beschreibt: „Wir fühlen uns friedlicher, empfi nden mehr Liebe, sind kreativer, unser Immunsystem wird gestärkt, wir fühlen uns lebendiger.“ Aufmerksamkeit und bewusste Abwechslung statt sexueller Routine Und angenommen wir wollten das, uns lebendiger, kreativer und stärker fühlen, wir wollten eine stärkende Sexualität erleben, wo sollten wir dann ansetzen? Die Philosophie von Tantra ist umfangreich. „Viele Probleme entstehen, weil Sex auf Aufregung und Spannung basiert“, so Diana Richardson. „Wir sind auf eine sexuelle Routine fi xiert, wollen immer wieder die gleiche aufregende Erfahrung. Auf diese Weise wachsen wir nicht in unserer Sexualität, sondern rotieren immer um das gleiche Thema. Irgendwann wird dies langweilig, wir fühlen uns nicht länger von unserem Partner angezogen, schauen uns nach jemand „Aufregenderen“ um.“ Ich schreib auf: Es ist der Wunsch nach Sensation, der uns treibt. Aber das ist noch nicht alles, Diana Richardson kommt wieder auf unser Tempo zu sprechen: „Außerdem ist der Sex für gewöhnlich zu kurz, nach ein paar Minuten kommt es zur Ejakulation. Eine schnelle Ejakulation passiert dann, wenn Sex zu „heiß“ wird, wenn es zu viel Aufregung, Stimulation, Spannung gibt.“ Und damit wären wir wieder bei der Entspannung.

 

Das hilft: bewusst zum Liebe machen verabreden

AktEs bleibt die Frage, wie wir dieses Zuviel an Spannung verhindern können. Genau das vermittelt Diana Richardson in ihren Workshops und Büchern. „Im Allgemeinen müssen Paare langsamer, sensibler beim Sex werden“, sagt sie. „Sie sollten ihre Aufmerksamkeit auf ihr Inneres und ihren eigenen Körper richten, sich nicht auf den Orgasmus konzentrieren. Der Mann muss lernen, ruhiger zu werden, um seine sexuelle Energie zu spüren. Die Frau sollte sich darauf konzentrieren, den Mann in sich zu empfangen, aufhören, sich um einen Orgasmus zu bemühen, denn das sorgt für Anspannung in Kopf und Körper. Beide Partner sollten beim Sex aufmerksam, bewusst und entspannt sein.“ Das hört sich einleuchtend an, allerdings auch nicht so leicht. Ich frage, was denn helfen könnte, das umzusetzen. „Die klare Entscheidung treffen, gemeinsam die Sexualität neu zu entdecken“, lautet die Antwort. „Wir schlagen Paaren immer vor, ein Date anstatt oder nach einem Abendessen mit Freunden oder einem Kinoabend zu machen, um sich zu lieben.“ Ich notiere: Lieber Liebe statt Kino oder Kneipe. Diana Richardson fährt fort: „Sie sollten sich zwei bis drei Stunden Zeit nehmen. Wenn wir uns bewusst entscheiden, Liebe zu machen, anstatt es dem Zufall zu überlassen, profi tiert die Beziehung immer davon. Man sollte sich zwei, drei Mal die Woche treffen, es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Räumen probieren.“

 

Geteilte Verantwortlichkeit: beide Partner müssen beim Sex auf sich achten

Außerdem sei es nicht schwer, Zugang zu Tantra zu finden, berichtet Diana weiter. In all den Jahren, sei sie immer wieder erstaunt darüber gewesen, wie leicht Paare mit wenigen tantrischen Schlüsseln neue Türen öffneten. Was das denn für Schlüssel seien, frage ich, nur ein oder zwei solle sie nennen, zum Abschluss. Klar, Diana teilt gern ihr Wissen. Zum Bespiel sollten Frauen beim Sex ihrer Brust viel Aufmerksamkeit schenken. Sie sollten darauf achten, nicht zu sehr erregt zu sein. Wenn die Frau entspannt bleibt und nicht hinter dem Orgasmus her rennt, kann der Liebesakt über eine Stunde herausgezögert werden. Und der Mann? Der solle sich auf seinen Penis konzentrieren, auf das Gefühl in ihm, damit würde er Fantasien ausschalten, die zu einer frühen Ejakulation führten. Das Beste sei ein bisschen Erregung und dann wieder Entspannung. Wenn dann die Erektion verloren ginge, sollte ein bisschen mehr Erregung zugelassen werden, und dann wieder entspannen. Okay, aber nach ein bisschen Übung hört sich das schon an. Doch die bewusste Entscheidung, wirklich aufeinander zuund einzugehen, kann ja auf keinen Fall schaden.